Dr. Sun

Der Kleine fiel ihm lachend und voller Begeisterung in die Arme.
-Papa! Du bist zurück!
Dr. Sun lächelte, schloss die Augen und umarmte seinen Sohn.
-Papa, heute habe ich Noa operiert, aber nicht am offenen Herzen,
wie du!
Heute Abend war der junge Vater zeitig heim gefahren, hatte am
Horizont die tiefrote, mächtige Sonne stehen sehen, warm hatte 
die spätsommerliche Luft um seinen weißen Kittel herumgeflirrt und
die Ränder flattern lassen.
Der junge Chefarzt parkte seinen schweren Wagen vor der Garage in
der offenen Einfahrt und freute sich ehrlich auf seine Familie.
-Papa! Endlich!
-Komm, mein Großer, gehen wir rein zu Mama.
Der heutige Abend verlief sehr harmonisch und familiär. Einige
letzte warme Strahlen der versinkenden Sonne malten die Freude
der Tischgemeinschaft aus, eine geheimnisvolle Innigkeit.
Selbst der Junge konnte im Anschluss an das Mahl alleine und frei
seinem Spiel nachgehen, was seine Eltern für ein vertrauensvolles
Gespräch nutzten.
Sein Dienst-Handy vibrierte und klingelte in der Jacke, die im Flur
hing. Er sprang auf und rannte los, schnappte sich die Jacke und 
lief weiter zur Garage, nahm endlich ab und ließ sich den Fall
schildern, fuhr seinen Wagen zurück, es ruckelte, er hörte einen
dumpfen Laut, er sah im Rückspiegel nur noch die Einfahrt.
Seine Frau lief mit erstarrten, tränenden Augen auf ihn zu.
Er nahm, sehr langsam, das Telefon vom Ohr. Das Rot der Sonne war 
zu einem tiefen Schwarz geworden.
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Reise

I
Es ist ein
Menschenleben.
Ein Opfer in der 
Postmoderne.

II
Gebildet wie Stahl
der Geist auf einem
blinden Fleck.

III
Das Leben eine Reise.
Zu den Orten der
Zukunft.
Man mag stillstehen
oder sich bewegen.
Einerlei.

IV
Mein Leben,
eine andauernde Reise
zu 
Dir.
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Bewegung

So viele Bewegungen
zueinander
voneinander
ineinander
Körperliche;
hin und wieder
auch geistige
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volentem et nolentem

I
Mit nichts sonst
außer einer
gelassenen Heiterkeit
hinaus und fort.

II
Eine Erinnerung:
Ausblick aus dem Kirchturm 
hinaus auf das einst verlassene Dorf.
Dann die Fahrt in die Ferne. 

III
Eine ältere Frau
am Fenster steht und winkt,
mit einem Taschentuch.

IV
Unterwegs.
Immer unterwegs.
Von Stadt zu Stadt.
Ohne jemals
anzukommen.

 

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vera, lat. für wahr

I
Deine Präsenz 
in jedem Augenblick
ist deines Namens würdig.
Dein Wesen ohnehin.
Seltene, kostbare Abende
bei der Wahrheit.

II
Andere Leben,
wir beide in verschiedenen
Welten dieser Existenz.
Äußerlichkeiten, so fatalistisch
hingezeichnet wie die heiligen Bilder 
des Künstlers und Professors Dix'.

III
Flucht und Vergessen
sind verzweifelte Äußerungen
der Enttäuschung eines falschen
Lebens und also kein Weg 
zum Glück.

IV
Hinter uns ein paar
geleerte Gläser
des roten Weins.
Vor uns zwei 
verschiedene Leben.
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